Weiteres zu Leonardo Camatta


Camatta Eröffungsworte:

Lieber Leonardo Camatta, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Turm-Galerie-Freunde!

Gerne begrüße ich Sie und heiße Sie herzlich willkommen zu unserer ersten Ausstellung von Leonardo Camatta.

Zunächst möchte ich Ihnen, lieber Herr Camatta, danken, daß Sie zu unserer Ausstellung aus dem fernen Berlin zu uns gekommen sind, gegen einen Trend, der leider immer mehr um sich greift, daß Ausstellungen eröffnet werden, und der Künstler dann nicht erscheint.

Schließlich sollte eine Galerie kein Bilderladen sein. Nein, zumindest bei der Vernissage soll eine Galerie eine Stätte der Begegnung sein mit Kunst und Künstler.

Also, lieber Leonardo Camatta, nochmals Dank, daß Sie gekommen sind.

Leonardo Camatta, der Name klingt italienisch. Ist er auch, der Name. Aber Camatta ist Deutscher. Sein Großvater wanderte zu Kaisers Zeiten, 1904, aus Italien, genauer aus dem Friaul, nach Deutschland ein und ließ sich in Westfalen nieder, und verdiente durch zunächst Pacht und später Besitz von kleinen Steinbrüchen seinen Lebensunterhalt.

So ist Leonardo Camatta schon in der dritten Generation in Deutschland ansässig. Er lebt und lehrt, wie wir aus dem Ihnen zugegangenen Kurz-Lebenslauf erfahren haben, in Berlin.

Seine künstlerische Ausbildung erhielt er an der Werkkunstschule in Dortmund.

Wie gerne spreche ich das Wort Werkkunstschule aus.

Hier wurde noch ordentlich gelehrt und gelernt, und geprüft!! Auch handwerkliche Fertigkeiten. Wie man mit den unterschiedlichen Farbsorten umgeht, mit Ölfarben, Acrylfarben, mit Ei-Tempera, mit selbstgeriebenen Pigmenten, die mit Binder versetzt werden, und ebenso wurde gelehrt und gelernt, daß man eine Grundierung zwar auch fertig kaufen kann,

aber es wurden eben auch die verschiedenen Möglichkeiten aufgezeigt, wie Grundierungen verschiedenster Art selbst angefertigt werden.

Später, als sich diese Werkkunstschulen, wir hier kennen es von Köln, sich hochtrabend "Akademie" nannten, legte man auf solche Elementar-Kenntnisse keinen Wert mehr, sondern es wurde über Kunst diskutiert und diskutiert und diskutiert - und leider von solchem Wissen, wenn es denn noch vorhanden war, wenig weitergegeben.

Kurzum, gut ausgerüstet ging Camatta an seine Kunst heran.

Nach etlichen verschlungenen Wegen der künstlerischen Selbstfindung, zu deren Stationen auch expressive und spontane Malweise gehörten, hat er seit einigen Jahren zu seiner ureigenen Technik gefunden.

Und auch seine ureigene Bildsprache hat er gefunden..

Es ist die eindringliche Interpretation, seine Interpretation der Ursprünge der Bildnisgestaltung.

Wir erkennen zeichenhafte Bildinhalte, die uns an Höhlenmalereien denken lassen. Signet-artige Figuren von Mensch, Tier und Gerätschaften, und kryptische Zeichen, kontrapunktisch dagegengesetzt.

Das alles in Farbigkeit von Erdfarben, Naturtönen, wie sie in vorgeschichtliche Zeit verwendet wurden.

Die Farben sind matt, weder stört eine schimmernde Firnis-Schicht unseren Weg ins Bild hinein, ja Fresko- artig schlagen die Farben in den Malgrund weg.

In seinen Leinwand-Bildern und in denen auf Holz trägt er eine tragende Schicht Grundierung auf, eine Spachtel-artige Masse, die er sich aus Holzasche mit Binder selbst anteigt.

Oft modelliert er mit dieser Grundierung schon eine Reliefstruktur, die dem späteren Bildinhalt als Hervorhebung von Einzelheiten diesen soll. Zum Beispiel bei dem Bild hier hinter mir und, besonders eindrucksvoll zu sehen bei dem Leinwand-Bild "Figur und schwarzer Bogen" drüben im alten Klassenraum.

Diese mehrschichtige Grundierung erlaubt Camatta auch, mit Kratztechniken zu arbeiten, wie bei den beiden archaischen Rindern drüben, links neben dem Kamin links, aber auch bei dem kleinformatigen Bild über dem Grafikschrank.

Manchmal sind seine graphischen Darstellungen in der Art der Primitiven ( wir machen uns klar, im Wort "primitiv" steckt das Wort "primus" , "der erste" ) also in der Art der ersten Menschen gestaltet, belegbar bei dem Paar auf dem eindrucksvollen Gemälde "rote Erde",.

Oft finden wir aber auch undeutbare, geheimnisvolle Zeichen und Buchstaben-Fragmente.

Aber ebenso sind zuweilen seine graphische Darstellungen mit der Eleganz eines gut gelungenen Logos gesetzt, wie bei den schon eben erwähnten archaischen Rindern, wo die Linie eines Beines des einen Rindes herhält für ein Bein des zweiten Rindes

Sind die von ihm gestalteten Arbeiten auf Leinwand oder die auf Holz in der Anlage vollendet, also Grundierung und Farbe aufgebracht, werden sie einer nachgerade brutalen Behandlung unterzogen.

Sie werden mit Wasser abgebraust, Farben werden unter Wasser an- oder gar abgeschrubbt. Zuweilen wird mit Hitze schnellgetrocknet so daß Risse in der Farbe und in der Grundierung entstehen. Einzelne Partikel der Grundierung werden herausgehebelt, kurz, Camatta läßt sie die Bilder nach allen Regeln der Kunst altern.

Hier feiert seine Lust an unvorhersehbaren Ergebnissen - wir erinnern uns an seine Phase der Spontanmalerei- in der Tat fröhliche Urständ.

Sind die Arbeiten wieder trocken, wird mit Farbe nachgearbeitet, wo Camatta es für notwendig erachtet, die Bildkanten werden unregelmäßig betont und das ganze oftmals schließlich mit einer ungleichmäßigen Schicht Sfumato "angeraucht".

Das Ergebnis sind Bilder, die in ihrer Zeichenhaftigkeit und durch ihre einzigartige Farbigkeit bei uns eine Fülle von Assoziationen hervorrufen.

Zu diesen Assoziationen gehört ohne Zweifel der Gedanke an die prähistorische Zeit, ebenso sich aber auch - in seltsamem Brückenschlag- hochmoderne Scraffitti.

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Bei seinen Arbeiten auf Papier, nein, ich muß besser sagen bei seinen Arbeiten mit Papier erreicht Camatta einen ähnlichen Effekt durch eine Methode, die auf der Technik der Collage basiert.

Etliche Schichten Papier -Ausrisse werden aufeinander gebracht, Papierkanten werden ausgerissen, das ist sein Malgrund. Mit Gouache-Technik, mit Aquarelltechnik, bis hin zu Binderfarben wird die Camatta-gemäße Farbigkeit aufgebracht, oft wird auf das gestaltete Bild ein Papierflicken aufgeklebt und auf diesem von neuem gemalt, wie bei einem leichtfertigen Restaurierungsversuch, gut zu sehen bei dem Bild mit der Sphinx hier auf dem Versprung oder drüben bei zwei Personen mit dem stilisierten Rinderkopf in der Mitte.

Auch hier führt er uns souverän ein in das Thema "uralt", "urprünglich", "archaisch".

Vollends als "homo ludens", als Mensch mit Spiel-Lust, stellt er sich dar bei den kleinen Formaten, d ie der unter den Oberbegriff " Das kleine Museum" gestellt hat.

Hier spielt er in der Tat! Mit Leinwandausrissen, mehrfach überklebten Papierfragmenten, natürlich wieder in den Camatta-Farben, auf die er mit erdbrauner Farbe und feinem Haarpinsel seine Figuren bringt.

Und daß er das alles zuweilen auch mit einem guten Schuß Humor betreibt, macht uns Camatta endgültig sympathisch: Wir finden im Lichtflur draußen, neben der Tür zum alten Klassenraum auf einem kleinen Format ein "archaisches Fahrrad", und auf der anderen Seite der Tür zwei archaische Kopulations-Szenen, augenzwinkernde Zitate der Vielzahl von Fuchtbarkeitskult - Darstellungen, denen man ja wirklich im Fundus der prähistorischen Malerei begegnet.

Wir begegnen einer ursprünglichen Kunst des Fabulierens und eine unbändigen Lust am Fabulieren.

Ich, meine sehr verehrten Damen und Herren, freue mich sehr über den antipodischen Kontrast von zwei aufeinanderfolgenden Ausstellungen:

Die soeben vergangene wurde von Willi Kissmer bestritten, dessen hochkultivierte fotorealistische Malweise, mit kaum wahrnehmbaren Pinselstrich, uns in erstaunende Bewunderung versetzte.

Und jetzt bei Leonardo Camatta die auf ganz andere Weise ebenso souveränen Zitate der Ursprünge der Bildgestaltung überhaupt.

Mir hat das Accrochieren der Ausstellung eine große Freude bereitet, und ich entdecke täglich neues Reizvolles in Camattas Bildern.

Und ich wünsche Ihnen, liebe Vernissagegäste, daß Sie in gleicher Weise von Leonardo Camattas Kunst angesprochen werden.

Lieber Herr Camatta, ich danke Ihnen, daß ich Ihre Arbeiten ausstellen darf und erkläre die Ausstellung für eröffnet.