Renée Lubarow


Aus unserer Einladung zur Lubarow-Ausstellung im
Oktober/ November 2000:


Diese Ausstellung kann man verstehen als eine Art Retrospektive, denn es finden sich darin Belegexemplare (épreuves d'artiste) längst vergriffener Radierungen aus drei Jahrzehnten.

Die Künstlerin hat - aus Altersgründen - ihr in der Praxis recht 'muskelzehrendes' druckgrafisches Oeuvre abgeschlossen. Aber mit ihrer lebenslangen Erfahrung und noch lange nicht erlahmtem Schaffensdrang, ja, mit junggebliebener Experimentierlust gestaltet sie in letzter Zeit Öl-Pastelle in der von ihren Radierungen bekannten gleichen Färb- und Formensprache, der von ihr meisterhaft beherrschten "Lyrischen Abstraktion".

Diese Ausstellung soll man verstehen auch als tätigen Dank der Turm-Galerie an eine Künstlerin von hohem Rang, die, erstmals im Jahre 1971 mit ihrer Ausstellung bei uns, das Niveau und damit den Ruf der damals erst zwei Jahre alten Galerie zu mehren half. Danach gehörte sie zum Künstlerstamm der Galerie und wurde in weiteren sechs Einzelausstellungen präsentiert.


Renée Lubarows Einleitungstext zu ihrem
Werkverzeichnis 1984 :


Kann man als Malerin und als Graveur über sich oder seine Arbeit sprechen? Befindet man sich nicht zu sehr in dem, womit man sich beschäftigt, um überhaupt über die erforderliche Übersicht zu verfügen? Von sich zu sprechen, fällt nicht leicht, besonders, wenn die Schreibkunst nicht die am meisten bevorzugte Ausdrucksweise ist.

Ist es uns beschieden, uns genau erkennen zu können, auch wenn wir selbst zur größten Offenheit geneigt sind?

Stets sind wir uns gegenüber nachsichtig, was wir jedoch bei ändern ablehnen.

Wir kennen uns wirklich schlecht, die ändern kennen uns aber noch schlechter.

Ferner dürfen die Worte uns nicht umkreisen, auch nicht übertreffen, so daß unser Schatten zurückbleibt. Ich entwerfe weder ein physisches noch ein moralisches Porträt, da sich dieses nur auf einen Augenblick bezieht, sind wir doch in ständigem Wandel.

Im übrigen, je älter ich werde, desto weniger weiß ich, wer ich bin.

Manchmal habe ich sogar das Gefühl, überhaupt nicht mehr zu existieren, vielmehr kleinstes Teil eines Ganzen, irgendwie entmenschlicht zu sein. Es kommt aber auch vor, daß ich, wenn ich in guter Verfassung bin, meine, nur in Bezug zu den ändern, die mein Bild projizieren, zu existieren. Kann ich denn überhaupt selbst meine Wirklichkeit empfinden?

"Ich" ist identisch mit der Welt, die mich bewohnt, und dieses "Ich" wird dann auch nicht mehr sein, wenn der Tod mich wegfegen wird. Vielleicht wird aber auch etwas zurückbleiben, da alles, was mir von meiner Geburt am 28. Januar 1923 an bis zu meinem Tod begegnet sein wird, wenig verändert worden ist, gleich wie das Zusammenleben mit Menschen und Dingen mich ebenso im Laufe der Zeit bedingt hat wie meine Erblichkeit.

Die Menschen sind es, die ich liebe oder nicht liebe, und sogar bei denen, die mir gleichgültig sind, die mich aufwühlen oder begeistern, sind ihre Liebe, Freundschaft, Außersichsein, Annahme, Revolte, Traum, Leiden und Freude Ausdruck einer und derselben Gefühlswelt. Dies trifft ebenso auf die Tiere, Dinge, Häuser, Gärten, Länder, Melodien, Elemente und Ideen anderer und deren Werke zu.

Es gibt dies und weit mehr, und da sind die Malerei und Grafik wie auch die Arbeit, die ich gut auszuführen versuche. Dann begeistert sie mich immerzu. Ich habe es mir nicht ausgesucht, Zeuge meiner Zeit zu sein. Ich bezeuge lediglich meine eigene Existenz und die meiner eigenen Umgebung. Ich wollte auch nicht das Grauen des Leidens oder das unendliche und vielfältige Unheil wiedergeben.

Dies besagt keineswegs, daß ich nichts für sie empfinde. Ich versuche nur, Räume zu schaffen, in denen etwas geschehen wird.

Auf diese Weise erhoffe ich eine Welt, die ohne mich nicht existieren würde, meine Welt nämlich, die ihr vielleicht lieben lernen werdet.

Ich hoffe, daß sie nicht oberflächlich wirkt und daß, auch wenn der Mensch nicht bildlich dargestellt ist, er dennoch entdeckt wird.

Denn es gibt ihn dennoch.

Ich wünsche mir eine Begegnung.