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Michael Lauterjung - Volkert Rasch

"Konkrete Ansichten"
Ausstellung in der Turm-Galerie im Sommer 2000
( Laudatio: Bodo Schroeder )

Vorstellen der Künstler

Die Arbeiten kennen gelernt vor knapp 1 ½ Jahren auf der Kunstmesse in Karlsruhe

Entschluss, sie in einer Einzelausstellung der Turm-Galerie-Klientel vorzustellen.

Zwischenzeitlich erfuhr ich, dass sich beide Künstler schon lange kennen und sich gegenseitig schätzen, was ich für einen glücklichen Umstand halte, denn angesichts der Größe dieser Räume schlug ich vor, sie beide gleichzeitig zu zeigen, was sie beide auch gerne akzeptierten

Nun haben wir hier im Rahmen dieser Ausstellung also zwei Einzelausstellungen gleichzeitig

Ist das ein Widerspruch?

Ganz sicher nicht, denn die 36 hier präsentierten Arbeiten von Lauterjung würden fast jede Galerie eines Kollegen bereits füllen, für die 39 Arbeiten von Rasch gilt dasselbe.

"Konkrete Ansichten" fand ich als Titel für die Ausstellung passend, denn wenn man das Wort "Ansicht" als künstlerisches In-Szene-Setzen eines Bildgegenstandes begreift, dann trifft das für beide zu. Wir sehen hier von Rasch konkrete Ansichten, z. B. Ansichten von Bäumen, Häusern, Booten.


"Barken und Kiefer", Bilder vom Meer Nr.38, Bilder vom Meer Nr.37
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Aus dem Zyklus "Bilder vom Meer"
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Allerdings, wenn man das eine oder andere Bild von ihm, aus der Reihe "Bilder vom Meer" hier, wie diese, isoliert und alleine sehen würde, und es wäre kein Titel darunter, könnte man es durchaus auch als Farbkomposition auffassen, die sich als Ergebnis eines meditativen Prozesses des Künstlers darstellt. Aber im Zusammenhang mit seinen weiteren Bildern erfasst man natürlich, dass es sich um farblich hervorragend konstruierte Uferszenen handelt.
Also, auch dabei: Eine konkrete Ansicht vom Ufer.

Bei Lauterjung finden wir die konkreten Ansichten auch, eine konkrete Ansicht einer hervorragend akkurat gemalten Tulpenblüte, eines Bundes Spargel, von Äpfeln und vielen anderen reizvollen Bildgegenständen mehr.

Eine Abbildung alleine, sei sie auch noch so perfekt ausgeführt, wäre letztendlich nichts weiter als eine Fleißarbeit, ein Zur-Schau-Stellen der malerischen Fertigkeiten.

Einen künstlerischen Gehalt bekommt ein Bild erst, wenn es spannungsreich in Szene gesetzt wird.

Uns siehe da, bei beiden finden wir wieder konkrete Ansichten, wie man eine solche Szenerie aufbauen kann. Und bei beiden ist das ein Ergebnis eines Denk- und Fühl- Prozesses, welchen Hintergrund man wohl am besten für den beabsichtigten Bildgegenstand konstruiert.

Und bei etlichen Bildern von Lauterjung ist dieses "Konstruieren" des Bildhintergrundes durchaus wörtlich zu nehmen: Ob bei dem Bild mit den Pepperonis drüben im Alten Klassenraum ein Textilstreifen über die Leinwand getackert ist, bei dem Bild mit der Farbtube "Cadmiumrot" im Lichtflur ist es ein Streifen schwarzer Samt, der den Bildgegenstand, die Tube, nach oben schiebt.

Ja bis hin zu richtiger Bastelei geht seine Konstruktion des Bildhintergrundes, wenn wir uns das große Horizontal- Triptychon "Der tägliche Wahnsinn/ Gehorsam" im Alten Klassenraum anschauen.


"en vogue", "Schottische Tafeläpfel", "Agrarwissenschaftliche Besprechung im engsten Kreis", "Der täglische Wahnsinn/ Gehorsam"
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"Fenchel", "Geschenke für die Hausfrau II/2", "Birnen", "Äpfel"
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Es handelt sich bei diesem Bilduntergrund um 3 einzelne Keilrahmen, zu einem Bild zusammenmontiert. Der obere Teil ist Leinwand mit abstrakten Variationen von Ocker und Braun und nimmt die Hälfte der Fläche ein, der Mittelteil ist textilbespannt und trägt den Bildgegenstand, die unorthodox arrangierten Geschirrteile Tasse und Milchkännchen, genau ein Viertel der Höhe.
Und das verbleibende Viertel das Bildgrundes ist wieder Leinwand und trägt einen Text einer häuslichen Chaos-Szene, bei dem Mutter, Sohn und wohl ein ungebärdiger Hund namens Rover beteiligt sind.
Ein hinreißender Einfall für einen Bildhintergrund für ein ungebändigtes Milchkännchen, was partout einmal auf seinem Henkel stehen möchte.

Wir sehen, es ist bei Lauterjungs Bildern viel konkrete Ansicht im Spiel, wie er die Szene am besten aufbereitet für seine "Hauptdarsteller", also die konkreten Ansichten seiner Geschirrteile.

Manchmal muss man etwas tiefer graben, wenn man sich der Hintergründigkeit seiner Aussage nähern möchte. So ging es mir, als ich mich bei dem Bild " TV an Tea" fragte, was denn dieses Bild mit Fernsehen zu tun habe. Und dann kam ich drauf: Das Töpfchen mit dem blauen Rand hat als Hintergrund eine Collage aus Ausschnitten von Programmseiten einer Fernseh-Zeitschrift. Über diesen Hintergrund ein lasierendes Blau gelegt, und, noch einmal zur Verdeutlichung, mit blauem Pinselstrich die Umrisse einer Teekanne gemalt.

"Spieglein. Spieglein an der Wand", "TV and tea", Äpfel", "Zitronen"
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"Der täglische Wahnsinn/ Gehorsam"
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Und da ich selbst nun zu den älteren Semestern zähle, kommt mir auch gleich noch die Assoziation an die alten Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehens: Damals musste man das Zimmer zum Fernsehen abends ziemlich im Dunklen lassen, um das wenig leuchtkräftige Fernsehbild gut sehen zu können. Durch das Fenster eines solchen Fernsehzimmers schien nachts ein vergleichbar bläuliches Licht, das dann bei Szenenwechseln im Film, von außen gesehen natürlich immer irrational, zu unterschiedlichen Grau- und Blautönen hin- und her sprang.

Auch bei Folkert Rasch lässt sich sehen, dass er seinen Bildgegenstand immer in sorgsam überlegte Szenerie setzt. Auch er hat seine konkreten Ansichten darüber, wie er die Wirkung seines Sujets am besten entfalten kann.

Natürlich ist dieses Häuschen der toskanischen Straßenbaugesellschaft mit der Pinie dahinter nicht so zu finden. Dagegen spricht unter anderem schon der niedrige Horizont.

Rasch erreicht durch Weglassen von Details im Hintergrund, dass sein Bildgegenstand besonders hervorgehoben wird. Es ist keine Landschaftsmalerei, es ist die Art, wie man ein Stilleben aufbaut.
Als Stilleben fasse ich auch das große Bild dort auf, das mit den Booten und der Pinie.
Ein bisschen Strandbewuchs gestaltet, damit sich die Horizontale besser erschließt und den Rest des Strandes und den Himmel in warme Farbflächen gesetzt, zu keinem anderen Zweck, als das Ensemble Boote in horizontal betonter Schräge und Kiefer in vertikal betonter Schräge hervortreten zu lassen.

Auch bei dem Bild hinter mir findet sich das Stilmittel des Zurücknehmens. So gut, wie keine Details in der Gestaltung Ausschnitten des Hintergrundes. Dieser stützt ausschließlich durch seine künstlerisch-künstliche Farbgebung den Bildinhalt, nämlich zwei Pinien, weit aus der Bildmitte gerückt, wieder in der Schrägstellung, die hier sogar noch durch eine nahezu symmetrische Anordnung überhöht ist.



"A.N.A.S. mit Pinie"
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"Pinien am Meer II", "A.N.A.S. mit zwei Zypressen"
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Und vollends als eine wunderschön konstruierte Variante eines Stillebens fasse ich auf die überaus reizvolle Reihung von Pinien und Zypressen auf dem extremen Querformat über dem Grafikschrank im Lichtflur draußen.
Keinesfalls werde ich meine Einführung beenden, ohne Sie auf die Malkunst der beiden hier hinzuweisen. Ich beschränke mich auf ganz wenige Beispiele, damit Sie wissen, worauf ich Sie zu achten bitte:

Gehen Sie einmal ganz nah an die Reihe der hochformatigen, total einzeln gesetzten Zypressen heran, an diese großformatige dort in der Ecke oder an eine der fünf anderen im Lichtflur und genießen Sie, wie Rasch das Zweigwerg dieser Bäume malt.
Sie sollten auch unbedingt auch aus nächster Nähe sehen, wie Rasch die rissigen Stämme der Pinien malt, z. B. auf dem Bild hinter mir.



"A.N.A.S. mit Pinie"
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"Pinien am Meer II", "A.N.A.S. mit zwei Zypressen"
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Durch nahes Herangehen erschließt sich Vieles. Bei Lauterjung fasziniert mich immer wieder aufs Neue die Vielzahl unterschiedlichen Farben bei seinen Bildgegenständen. Beim grünen Spargel im Alten Klassenraum wirken viele Grüntöne, viele Ockertöne, viele Grautöne und Braun und Rot in mannigfacher Abstufung zusammen für ein zum Anfassen konkretes Bund Spargel.
Als weiteres Beispiel von vielen weise ich hin auf die weiße Rose auf rotem Grund in dem fulminanten großformatigen Bild im Alten Klassenraum. Es ist erstaunlich, aus wie vielen Farbtönen diese Rose gemalt ist.



"Hommage an Chandler",
"Die Domestizierung des Wolfes: Zwergschnauzer und Bichon frisé"
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"Pinien am Meer II", "A.N.A.S. mit zwei Zypressen"
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Man soll die Titel von Bildern nicht überbewerten, sie sind selten das Thema, zu dem der Künstler arbeiten möchte.

Nein, oft, wenn nicht sogar zumeist, werden sie vom Künstler mühsam erfunden, wenn das Bild schon fertig ist. Wenn aber Lauterjung den Äpfeln, die er auf einem Schottenkaro-Stoff gemalt hat, den Titel "Schottische Tafeläpfel" gibt, dann gibt das doch einen schönen Hinweis auf den Humor des sympathischen Malers.

Zum Schluss möchte ich Sie noch auf eine zufällige Parallele zwischen den beiden Künstlern aufmerksam machen. Lebewesen kommen bei Rasch gar nicht vor, bei Lauterjung als Bildthema auch nicht, man findet sie zwar, aber nur zur Ausgestaltung des Hintergrundes.

Aber als Anfang der Woche die beiden ihre Arbeiten hier her brachten, fand sich von jedem der beiden Künstler eine kleine Serie von Bildern, die Tiere zum Thema haben.

Und gewissermaßen folgerichtig bei Rasch mit seinem Faible für mediterrane Landstriche eine Reihe Geckos, und bei Lauterjung mit seinem Faible für Humor die Serie von Schoßhündchen unter dem augenzwinkernden Titel "Die Domestizierung des Wolfes".



"Geckos"
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"Die Domestizierung des Wolfes: Dalmatiner und Yorkshire Terrier",
"Punkt vor Strich"
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Ich bin stolz darauf, Ihnen diese beiden überaus sympathischen Künstler heute hier vorstellen zu können, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Ausstellung genau so genießen würden, wie ich es tue.

Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr Kommen und erkläre die Ausstellung für eröffnet.